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Chris Rea –  La Passione

Bevor kurz vor Weihnachten der Tod von Chris Rea (4. März 1951 – 22. Dezember 2025) bekannt wurde, war einer seiner größten Hits, „Driving Home for Christmas“, ein gern gehörter Radiotitel. In Nachrufen wurden außerdem die Songs „Julia“, „Auberge“ und „On the Beach“ erwähnt. „Saudade“, ebenfalls einer seiner bekannteren Titel, widmete Chris Rea dem Rennfahrer Ayrton Senna, dessen Leidenschaft er teilte. 

Vor fast dreißig Jahren komponierte er die Musik für den Soundtrack von „La Passione“, einem anderthalbstündigen Film. Dieser erzählt von der Besessenheit eines kleinen Jungen für Ferrari und von Wolfgang von Trips, der 1961 bei einem Rennen in Monza in einem Ferrari Sharknose tödlich verunglückte und wahrscheinlich Formel-1-Weltmeister geworden wäre.

Ähnlich wie der Junge im Film in einer Eisdiele war Rea in der Rea’s Creamy Ices – Fabrik seiner  Eltern in Middlesbrough, der Vater Italiener, die Mutter Irin, aufgewachsen. Sein Vater hatte ihm erklärt, dass ein Ferrari das beste Auto der Welt sei, rot mit 12 Zylindern. Chris Rea erinnerte sich, dass er eines Tages aus dem Wartezimmer seines Zahnarztes eine Ausgabe der MotorSport stibitzte mit zwei Bildern von Wolfgang von Trips, eines davon am Steuer des Ferrari-Sharknose, das andere von seinem Ferrari 246SP, mit dem er zusammen mit seinem Co-Piloten Olivier Gendebien die Targa Florio  am 30.April 1961 gewonnen hatte. Die Saison verfolgte Chris Rea auf dem Schwarz-Weiß-Fernseher in seinem Elternhaus. Dem Zehnjährigen verschwiegen die Eltern den Unfalltod, um ihn am Tag nach dem Rennsonntag in die Schule schicken zu können. Der tödliche Rennunfall blieb ihm nicht verborgen und ließ ihn untröstlich zurück. Das Leben ging weiter. Er begann erst mit Anfang zwanzig Gitarre und Klavier zu spielen, bald gefolgt von seinem ersten Hit „Fool (If You Think It’s Over)“.

Der Rennsport-Bazillus liess ihn nicht mehr los. Seine Platteneinnahmen erlaubten ihm eine Rennsportkarriere als Fahrer wie auch einmal als Rennmechaniker in Eddie Jordans Formel-1-Team, wo er für die Heizdecke am rechten Hinterrad von Eddie Irvines Monoposto verantwortlich war. Chris Rea fand sich in einer Reihe von Musikern wieder, deren zweite Leidenschaft der Automobilsport war: der Bariton Guiseppe Campari als Mille Miglia-Gewinner, der Pianist und Bergrennfahrer Anthony Hopkins, die Jazzer Billy Cotton oder Allen Eager. Rea war sicher einer der erfolgreichsten in dieser Kombination. In den 1990 Jahren übertrug er seine Kindheitserinnerungen in Musik und Videosequenzen mit dem Titel „La Passione“. Hierzu ließ er originalgetreue Kopien des Ferrari 156 Sharknose und des 246 SP nachbauen. Er verlor das Projekt, als Führungskräfte seiner damaligen Plattenfirma Warner Brothers sein Projekt zu einem kompletten Kinofilm mit linearer Handlung umwandelten. Das hierzu eingesetzte Team, Regisseur, Produktion, Profi-Schauspielern liessen den Kino-Film „La Passione“ entstehen, der 1996 für eine nur kurze Laufzeit in die Kinos kam, weil er von Kritikern verrissen wurde.

20 Jahre später erhielt er die Rechte zurück und entdeckte zufällig das von-Trips-Museum, das er als Schatzkammer seiner Erinnerungen bezeichnete. Aus diesem Besuch entstand ein neuer Film, der einen kleinen Jungen zeigt, der sich mit seiner Fantasie eine eigene Motorsportwelt erschafft. In einem Interview warnte Rea solche Jungen davor, sich vollständig mit realen Vorbildern zu identifizieren, wenn sie mit Spielzeugrennwagen spielen und von ihren Idolen träumen.

Die Musik des Films wird möglicherweise diejenigen enttäuschen, die den typischen Chris-Rea-Sound erwarten, weil Rea zwar Gitarre und Klavier spielt, singt, ein Großteil des Albums aber von einem Orchester gestaltet wird, so dass ein üppiger, ergreifender, romantischer, geradezu grandioser Sound entsteht. Dazu Texte über Träume und Hoffnung wie in „Girl in a Sportscar“ oder „Shirley, do you own a Ferrari“ im Duett mit Shirley Bassey. In einem Interview mit Simon Taylor sagte er zur Kombination von Motorsport und Musik:  „In der Musik gibt es keine Beschleunigungswerte oder Rundenzeiten. Es gibt kein absolutes Maß dafür, ob etwas gut ist oder nicht: Wenn man zuhört, gefällt es einem entweder oder es gefällt einem nicht.“ Er war der Auffassung, dass sein Projekt nicht dem Mainstream des Musikmarktes entsprechen würde. Mit seinem  Label Jazzee Blue Records Ltd konnte er seine Träume Realität werden lassen, wobei man seine Auffassung, dass sich Musik und Bilder nur gemeinsam beurteilen lassen, nicht teilen muss. 

Wer mit „Driving Home for Christmas“ das Ziel erreicht hat, kann die Augen schließen und sich von „Every heart’s got its moment, written on its soul, just in a minute in its lifetime of a happiness untold“ aus „Girl in a Sportscar“ zu Shirley Basseys „What is so wrong with a heart with a dream, A soul without hope is a terrible scene, Deep in the coldest and darkest of nights I hang on to my dream, Keep it locked in my sights“ überleiten lassen.

Der Artikel ist unter Verwendung von Archivmaterial von MotorSport und Gazettelive.co.uk entstanden

Text: Prof. Dr. Peter Schroeder
Foto: Dutch Simba/wikipedia Commons