Vor 70 Jahren  –  Porsche in Bestform 

Der Porsche 550 Spyder von Hans Herrmann und Wolfgang Graf Trips an der Box während des Trainings.

12-Stunden-Rennen von Sebring 1956: Trips und Herrmann waren sensationell. Mit ihrem 130-PS-Porsche fuhren sie schneller als die meisten stärkeren Wagen und konnten sogar in der Nacht, als die „großen“ Ferrari ihr Tempo ein wenig drosselten, immer noch mithalten. So beschrieb Bernard Cahier, bekannter Foto-Reporter, den Einsatz des 1500er Porsche 550 Spyder mit Wolfgang Graf Berghe von Trips und Hans Herrmann beim 2. Sportwagenweltmeisterschaftslauf der Saison am 24. März 1956 in Sebring (Florida/USA). Zum ersten Mal starteten Deutschlands beste Rennfahrer zusammen für das Porsche-Werksteam. 

Nach vier Veranstaltungen – ausgetragen seit 1952 -, war das 12-Stunden-Rennen, der Florida International Grand Prix of Endurance powered by Amaco auf dem Sebring International Raceway, Florida, der wichtigste Sportwagenlauf in den USA. Von Jahr zu Jahr gewann die Veranstaltung mehr und mehr an Bedeutung und wurde nur noch von Le Mans übertroffen. Die Zuschauerzahlen stiegen kontinuierlich und erreichten 1956 die 30.000-Besucher-Grenze. Für die US-amerikanischen Sportjournalisten war das Rennen nicht nur das zweitwichtigste Motorsport-Event neben dem 500-Meilen-Rennen von Indianapolis: Vielmehr vollzog sich in Sebring noch ein Renn-geschichtlicher Vorgang: Zum ersten Mal nahm Chevrolet mit einem eigenen Werksteam von sechs Fahrzeugen an einem Automobilrennen teil. Die Corvettes waren Cabriolets, die mit starker Unterstützung aus Detroit von Raceway Enterprises eingesetzt wurden. Die große Bedeutung des Rennens war auch der Meldeliste zu entnehmen: Alle renommierten Werksteams aus Italien, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den USA waren nach Sebring gekommen. Für die Scuderia Ferrari fuhren der dreifache Automobilweltmeister Juan Manuel Fangio, Eugenio Castellotti, Luigi Musso und Harry Schell die Werkswagen vom Typ 860 Monza. Maserati nannte zwei 300S. Die Piloten hießen Jean Behra, Piero Taruffi, Cesare Perdisa und Carlos Menditéguy.

In der Startaufstellung stehen die Maserati 300 S von Behra/Taruffi/Perdisa (Nr. 24) und Perdisa/Menditéguy ganz vorne.

Allein neun Jaguar D-Types standen am Start – der von Mike Hawthorn und Desmond Titterington unter der Firmenvertretung New York gemeldete Wagen war mit einer Benzineinspritzung ausgestattet. Aston Martin hatte hochkarätige Fahrer-Teams für die DB3S aufgeboten: Moss/Collins, Salvadori/Shelby und Parnell/Brooks. Porsche trat mit dem 550 Spyder (Trips/Herrmann) und mit den 550ern von Mike Marshall/Jan Brundage/ Huschke von Hanstein sowie Ed Crawford/Herbert Linge in der Klasse der Sportwagen bis 1,5-Liter-Hubraum an.

Der im Zentrum von Florida gelegene Kurs von Sebring bietet eine ungewöhnliche Kombination von Flugplatzrollbahnen mit engen Straßen und macht ihn zu einer schwierigen Rennstrecke. Fangio sagte: „12 Stunden in Sebring sind ermüdender und noch anstrengender als die 24 Stunden in Le Mans. In Sebring muss ich ständig arbeiten, aber es dürfte schwierig sein, eine bessere Teststrecke für die Bremsen zu finden.“

Am ersten Trainingstag kam Hawthorn auf eine Rundenzeit von 3:28, während Fangio 3:31 Minuten erreichte.  Am nächsten Tag aber drehte Fangio eine Runde mit 3:27. Behra fuhr mit dem Maserati 3:30, Moss auf Aston-Martin 3:31 Minuten.

Bei den 1500ern, der interessantesten Klasse nach den Hubraum-stärkeren Wagen, war der Porsche mit Trips/Herrmann nach dem Auftakt-Qualifying mit 3:46 der Schnellste. 

Der Rennverlauf: Nach der ersten Stunde führte Hawthorn bereits mit 35 Sekunden vor den dicht folgenden Moss und Fangio sowie Musso (Ferrari) und Hamilton (Jaguar).

Nach drei Stunden schied der Aston-Martin von Moss, den inzwischen Peter Collins übernommen hatte, wegen Kupplungsdefekts aus. Damit rückte Fangio auf den zweiten Platz vor den Musso/Schell­-Ferrari. Auf Rang vier kam wieder ein Jaguar, an fünfter Stelle folgte  der dritte Werks-Ferrari von de Portago. Drei Ferrari unter den ersten fünf. Der Rennleiter von Jaguar wurde nervös, er zeigte Hawthorn erneut das Go-Signal, aber ohne sichtbaren Er­folg, denn auch die Ferrari wurden schneller. 

Als die zweite Hälfte des Rennens anbrach, war Hawthorn immer noch in Front, doch der Ferrari von Fangio/Castellotti überholte ihn wenig später.

Jack Ensley und Bob Sweikert im Jaguar D-Type retten die Ehre der Briten und werden am Ende Dritte.

Die Porsche liefen wie ein Uhrwerk, besonders der von Herr­mann/Trips, die im Gesamtfeld bereits an zehnter Stelle lagen, dahinter McAfee/Lovely. Die beiden Deutschen führten in ihrer Klasse klar, aber bei der Index-Wertung lag immer noch der kleine 750 ccm DB-Panhard vorn. Fangio baute seinen Vorsprung von Runde zu Runde aus.

Juan Manuel Fangio übergibt an Eugenio Castellotti.

Kurz vor Beginn der neunten Stunde übergab Fangio seinen Wagen an Castellotti, der nach einem blitzschnellen Tankmanöver zwei Sekunden vor Hawthorn wieder ins Rennen ging.

 Hawthorns erneuter Großangriff auf den führenden Ferrari war wenig später zu Ende: Der Jaguar fiel wegen eines Schadens am Hauptbremszylinder aus. Kurz vorher hatte Markengfährte Hamilton aus demselben Grund aufgeben müssen. Die Ferrari lagen nun an erster und zweiter Stelle, mehrere Runden vor dem Jaguar Sweikerts und erhielten schließlich von ihrer Box das Zeichen „piano“. 

Im Blitzlichtgewitter der Fotografen jagte schließlich Castellotti vor seinem Markengefährten Schell als Sieger durchs Ziel, enthusiastisch gefeiert von den vielen tausend Amerikanern, die überzeugend bewiesen, wie groß ihr Interesse für derartige Rennen heutzutage ist.

Wolfgang von Trips liegt hier vor dem Aston Martin DB3S von Reg Parnell und Tony Brooks, für die das Rennen nach 169 Runden zu Ende ist.

Porsche eröffnete die Saison mit einem großartigen Erfolg, wurde Sechster und Siebter im Gesamtklassement, Erster und Zweiter in der 1500er Klasse und Sieger in der Index-Wertung. Die Stuttgarter kamen sehr gut vorbereitet nach Sebring, konnten einen sensationellen Erfolg erringen und die amerikanischen Rennfans von der Zuverlässigkeit und dem Leistungsvermögen ihrer Wagens überzeugen. Cahier: Ich habe fest­gestellt, dass Porsche nicht weniger Beifall erhielt als Ferrari. Der von Herrmann/Trips hervorragend gefahrene Spyder ist eine leichtere Ausgabe des vorjährigen Modells, mit einer Leistung, die bei annähernd 130 PS liegen musste. Trips/Herrmann/Trips waren beständig schnell, das war für viele geradezu unglaublich. Der erfahrene Hans Herrmann als wichtige Säule der Porsche-Werksmannschaft und der junge Graf Trips, der nun vom Sport- und Tourenwagenfahrer in die Sportwagen-Weltmeisterschaft aufgestiegen ist, schrieben Schlagzeilen für die Marke aus Zuffenhausen.

Juan Manuel Fangio und Eugenio Castellotti siegen mit Rundenvorsprung vor ihren Teamgefährten Luigi Musso (rechts) und Harry Shell.

Daten – Fakten – Zahlen

  • 59 Fahrzeuge starteten, 24 wurden gewertet
  • Rennklassen: 7
  • Zuschauer: 30 000
  • Wetter am Renntag: warm und trocken
  • Streckenlänge: 8,369 km
  • Fahrzeit des Siegerteams: 12:00:31,198 Stunden
  • Gesamtrunden des Siegerteams: 198
  • Gesamtdistanz des Siegerteams: 1623,506 km
  • Siegerschnitt: 135,195 km/h
  • Schnellste Rennrunde: Mike Hawthorn – Jaguar D-Type: 3:29,700 = 143,666 km/h

Text: Jörg-Thomas Födisch/Fotos: Archiv Cahier